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Buchhalter gewinnen an Sexappeal

von Cassel Bryan-Low, The Wall Street Journal

Galten Buchhalter bislang als "Erbsenzähler", sind sie neuerdings gefragter denn je. Ärmelschoner gewinnen an Sexappeal und sind umgeben von einem Hauch von Gefahr. Vielleicht ein geheimer Jobtipp für die Zukunft? Als Charles W. Mulford, 50, neulich im noblen Skiort Vail von der Piste zurückkam, fand er eine Einladung in seiner Wohnung. Ein nahes Hotel gab eine Käse-und-Wein-Party, und er war der Ehrengast. Der Besitzer des Hotels und seine Gäste wollten etwas über Mulfords jüngstes Buch "Das Spiel mit den Finanzzahlen: Aufdeckung kreativer Buchführung" erfahren.

Doch nicht nur das: Jemand drückte ihm die letzte Bilanz des wegen mangelnder Transparenz in die Kritik geratenen Konglomerats Tyco in die Hand: Mulford möge sie doch bitte für die Gäste auseinander nehmen. Buchführung "ist in Mode", sagt Mulford, ein Professor am Georgia Institute of Technology in Atlanta. "Dabei sollte man meinen, sie sei in Verruf geraten."

Buchhalter haben sich lange an die Witze über "Erbsenzähler" gewöhnt. Als das Energiehandelshaus Enron zusammenbrach und bekannt wurde, dass seine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen Akten vernichtet hatte, schien alles noch schlimmer zu werden. Aber im Gegenteil: Der Ruch des Skandals scheint Ärmelschonern und den in den USA typischen grünen Schildmützen plötzlich ein wenig Sexappeal zu verleihen. Buchhalter werfen die Bücher in die Ecke und tauchen ins Partyleben ein. Selbst Hollywood hat Gefallen an den bislang als Langweiler verschrieenen Bilanzexperten gefunden: Der Kurzfilm "The Accountant", "Der Buchhalter", gewann vergangene Woche einen Oscar.

"Wenn man früher zu einer Party ging und gefragt wurde, was man arbeite, interessierte das niemanden weiter", erzählt Janet Pegg, Buchführungsexpertin beim Wertpapierhaus Bear Stearns. "Heute ist man der Star." Auch die Witze haben sich geändert: "Dass er Buchhalter ist, gibt ihm diese spezielle Aura der Gefahr", sagt in einem Cartoon des Magazins The New Yorker eine Frau in einer Bar zu einer anderen. Beim Internet-Auktionshaus Ebay werden bereits Arthur-Andersen-Andenken versteigert. "Etwas zum Abkühlen, ob Sie nun bei einer Anhörung vorm Untersuchungsausschuss des Kongresses oder beim Leiten einer Abteilung für Hochgeschwindigkeits-Schreddern schwitzen", wirbt da etwa ein Verkäufer einer Sportler-Flasche mit Aufschrift Andersen.

"Wir waren nie so populär", sagt Robert Willens, Bilanzanalyst bei Lehman Brothers. Ihn hätten so viele Fernsehsender zu Auftritten eingeladen, dass er jetzt wisse, "wie sich Rockstars und Athleten fühlen". "Das sind unsere 15 Minuten des Ruhms", sagt Willens. "Wir wussten, dass sie irgendwann kommen würden." Weiter steigen könnte das Interesse an Wirtschaftsprüfern durch einen geplanten Fernsehfilm über Enron. Auch die Prüfer dürften dabei eine Rolle spielen - vor allem Sherron Watkins, eine frühere Andersen-Buchhalterin, die bei Enron zur Vizepräsidentin aufstieg und den Konzernchef vor den Bilanzproblemen gewarnt hatte.

"Zahlen und Fakten werden immer irgendwie frisiert; man nennt das Buchhaltung", sagt der Hauptdarsteller in "The Accountant". Das sehen Buchführungslehrer natürlich ganz anders. Sie erleben derzeit enormen Zulauf. An der New York University haben sich in diesem Semester 42 Prozent mehr Studenten für Buchführungskurse eingeschrieben als im Vorjahr. Selbst die Studenten, die keinen Platz mehr ergattern konnten, erscheinen zu den Vorlesungen.

Die Leute "toben, um reinzukommen", sagt Mary Silver, an der Universität zuständig für Finanzen, Recht und Steuern. "Bisher haben wir uns immer wie das Aschenputtel gefühlt", fügt sie hinzu. Aber "plötzlich will uns jeder zum Ball ausführen".

Wenn es um Themen wie Debitorenumschlag geht, hören jetzt auch mehr Studenten zu, die überhaupt nicht ins Bild des langweiligen Buchhalters passen. So wie Jing Chen, eine 27-Jährige in gepunkteten hochhackigen Stiefeln, kamelfarbener Hose und Pullover. Im College hat sie Buchführung gehasst; aber jetzt denkt sie über einen Masters-Abschluss in Betriebswirtschaft nach und sitzt in der Vorlesung "Analyse von Finanzberichten". Noch vor einem Jahr "hätte ich gar nicht gewusst, was aggressive Buchführung ist", sagt Chen, die in der Finanzdienstleistungsbranche arbeitet. Und jetzt spötteln ihre Kollegen schon, ob ihre Klasse schon beim Kapitel "Fälschen der Bücher" angekommen ist.
 
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